Wie die Welthungerhilfe Südsudanesischen Geflüchteten in Norduganda hilft

Mein Projektbesuch bei der Welthungerhilfe in Adjumani

Nach acht Stunden Fahrzeit auf Straßen, die bis auf das letzte Stück gut ausgebaut und in einer super Verfassung sind, komme ich endlich in Adjumani an – einer beschaulichen Kleinstadt im hohen Norden Ugandas deren Zentrum ein paar geteerte Straßen bilden. Shop reiht sich an Shop. Die weißen Jeeps der NGOs (Nichtregierungsorganisationen) dominieren das Straßenbild.

Das lokale Büro der Welthungerhilfe befindet sich in einem kleinen Dorf etwas außerhalb vom Stadtzentrum Adjumanis. Zusammen mit den Organisationen Lutherian World Foundation und Concern teilt man sich ein Grundstück. Auf dem gemeinsam benutztem Gelände befinden sich hunderte von geländegängigen Motorrädern, ein paar Lkws und vier riesige Lagerzelte von der UN-Flüchtlingshilfsorganisation UNHCR – und natürlich das Büro der Welthungerhilfe. Mit elf Mitarbeitenden, einem Auto und ein paar Motorrädern ist die Welthungerhilfe überschaubarer als erwartet. Allerdings befinden sich Büros ähnlicher Größenordnung auch in den ein paar Stunden entfernten Städten Arua und Yumbe – auch dort mit dem Fokus, Geflüchtete und die Gastgebergemeinschaft zu unterstützen.

Die in Uganda ankommenden Geflüchteten kriegt von der Regierung ein Stück Land zum Leben und Bewirtschaften zugewiesen. Jede Familie erhält ein zwanzig mal dreißig Meter großes Grundstück. Das Land das die Regierung an die Geflüchteten verteilt, wurde zuvor von Ugandern der Regierung zu diesem Zweck unentgeltlich überlassen. Ein erstaunlicher Akt der Hilfsbereitschaft, wenn man bedenkt, dass auch die ugandischen Gastgeber nicht viel zum Leben haben, da insbesondere der konfliktreiche Norden von Uganda noch immer unter großer Armut zu leiden hat.

Für die ugandische Bevölkerung hat das allerdings auch einige Vorteile. Nicht nur, dass Teile des schier unendlichen Buschlandes endlich für die Landwirtschaft nutzbar gemacht werden, die lokale Bevölkerung profitiert auch von der sogenannten 70/30 Regel. Diese besagt, dass alle erbrachten Hilfsleistungen von hier tätigen Organisationen und Institutionen zu 70% an Flüchtlinge gehen und zu 30% an die lokale Bevölkerung. Die Ugander profitieren also durch die Maßnahmen der NGOs. Das ist nicht nur bitter nötig, es hilft auch Spannungen zwischen Geflüchteten und Gastgebern abzubauen.

„Die Flüchtlinge finden in Uganda ihr zweites Zuhause“, sagt Michael Koluo Leiter der Welthungerhilfe in Adjumani und erklärt sich diese unglaubliche Solidarität von Seiten der ugandischen Bevölkerung damit, dass in der Zeit des brutalen Diktators Idi Amin viele Ugander selber in die umliegenden Nachbarländer flüchten mussten.

Welthungerhilfe Projekt Manager Lawrence im Gespräch mit Geflüchteten

An meinem ersten Tag mit der Welthungerhilfe besuchen wir ein kleines abgelegenes Dorf mit ein paar Feldern. Mithilfe von Rindern öffnen die Bauern den Boden. Im Weg liegende Baumstümpfe werden ebenso beiseite geschafft wie Steine und Sträucher. Demnächst soll hier eine besondere Art von Cassava-Setzlingen an die Bauern ausgegeben werden. Michael erklärt mir, dass die Bauern hier in der Umgebung in letzter Zeit große Probleme mit der Cassava-Braun-Streifen-Krankheit hatten. Die Cassava-Pflanzen werden durch einen Virus mit dieser Krankheit infiziert und vergammeln, bevor sie ausgewachsen und damit essbar sind.

Das ist besonders bitter, da die Cassava-Pflanze (auch Maniok genannt) in vielen Teilen der Welt als eine beliebte Pflanze zur Bekämpfung von Hunger dient, weil sie besonders gut mit trockenen und nährstoffarmen Böden zurechtkommt. Um die Bauern gegen diese Art von Pflanzenplage zu schützen, wurden in einem Labor eine besondere Art von Cassava-Setzlingen gezüchtet, die gegen diese Art von Schädling resistent ist.

Der Leiter der Welthungerhilfe Michael Koluo erklärt mit die schädliche Wirkung des Cassava-Schädlings

Am nächsten Tag nimmt mich der Welthungerhilfe Project Manager Lawrence Ojulong mit zum Flüchtlingssiedlung Ayilo II und zeigt mir eine Schule, die die Welthungerhilfe dort errichtet hat. Die Schule ist längst zu klein geworden. Inzwischen haben die Geflüchteten aus Lehm und Stroh einen weiteren Klassenraum notdürftig errichtet. Einer der Lehrer erzählt mir, dass er jeden Tag Klassen von vierzig bis über hundert Schüler unterrichtet: für mich kaum vorstellbar – hier längst Alltag.

Danach besuchen wir Felder, die den Geflüchteten zur Nutzung zugewiesen wurden. Die Geflüchteten sind mit derselben Arbeit beschäftigt wie tags zuvor die Bauern aus dem kleinen Dorf: der Vorbereitung der Felder für die Aussaat der dringlich herbeigesehnten Cassava-Setzlinge.

Etwa 50 Kilometer nördlich von mir befindet sich mit Bidibidi – das größte Flüchtlingscamp der Welt. Noch weiter nördlich herrscht ein brutaler Krieg, der täglich unzählige Menschen fliehen lässt. Im Südsudan herrscht seit Ende 2013 ein Brügerkrieg zwischen den Regierungstruppen unter dem südsudanesischen Präsidenten Salva Kiir Mayardit, der zum Volksstamm der Dinka gehört und den Rebellen unter Riek Machar – dem ehemaligen Vizepräsidenten des Südsudans und Angehöriger der Nuer. Von vielen als Stammeskrieg vereinfacht ist, der Krieg im Südsudan wohl eher ein Kampf um Macht und Einfluss, gerade im Hinblick auf reichhaltige Bodenschätze im Südsudan.

Die Welthungerhilfe arbeitet in Adjumani mit 40 sogenannten Farmer Field Schools zusammen. Jede Gruppe umfasst etwa 30 Personen, die von je einem Mitarbeiter der Welthungerhilfe regelmäßig betreut wird. 16 Gruppen bestehen aus Ugandern, 20 aus Geflüchteten und in 4 Gruppen wird mit Geflüchteten und Ugandern zusammengearbeitet. Die Welthungerhilfe teilt dann an jede Farmer Field School beispielsweise Setzlinge aus, sodass sie nicht mehr so abhängig von den Essensrationen des UN-Welternährungsprogramms sind. Je nach finanzieller Lage des Welternährungsprogramms kann es außerdem zu Engpässen in der Verteilung kommen, die dann besser überstanden werden können.

Vor dem brutalen Krieg im Südsudan, der mit zahlreichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit einherging, flohen laut dem UNHCR über 2 Millionen Menschen (Stand: September 2017). Über 60% von ihnen sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Ein Großteil von ihnen floh nach Uganda.

Mit der Hilfe von Rindern wird das Land für die Aussaat von Setzlingen bereit gemacht

In den Farmer Field Schools bekommen die Geflüchteten und die ugandischen Gastgeber außerdem den Aufbau und die Führung von Kleinstspargruppen aufgezeigt. Jede Woche versucht jeder Teilnehmer einer ebenjener Farmer Field Schools eine gewissen Summe Geld in eine gemeinsam verwaltete Kasse zu zahlen, um zu sparen. Die Menge ist dabei erst einmal unerheblich, egal ob 25 Cent oder 2,50€. Später können sich die Mitglieder der gemeinsamen Kasse zu geringen Zinssätzen Geld leihen, um beispielsweise die Schulgebühren zu bezahlen oder Setzlinge zu kaufen. Für (medizinische) Notfälle kann ein Darlehen zinsfrei gewährt werden. Das Programm unter dem diese Maßnahmen laufen heißt: RIAS – Strengthen Resilience through Infrastructure, Agriculture and Skill und hat den Hauptzweck, die Widerstandsfähigkeit der Menschen zu verbessern, also sie besser auf Katastrophen vorzubereiten und das Wissen zu vermitteln wie auch ohne Hilfe von außen ein Überleben in schweren Zeiten möglich ist. Finanziert wird es vom deutschen Entwicklungsministerium (BMZ).

Uganda hat erst vor kurzem die 1 Millionen Marke an südsudanesischen Geflüchteten überschritten. Hinzu kommen allerdings noch etliche weitere Schutzsuchende, die aus dem Kongo oder Somalia stammen.

Mittlerweile ist Michael Koluo etwas nervös, einige Felder sind noch nicht vollständig von Unkraut und Wildwuchs befreit und damit noch nicht bereit, die Cassava-Setzlinge aufzunehmen. Diese sollen in den nächsten Tagen ankommen und haben in der heißen Sonne Ugandas nur eine begrenzte Lebenszeit.

Doch es geht alles gut: An meinem letzten Tag meines Besuchs bei der Welthungerhilfe in Adjumani, kommen endlich die verbesserten Cassava-Setzlinge an. Mit der Verteilung wird sofort begonnen. Jede der Farmer Field School bekommt 20 Säcke mit den beliebten Setzlingen – was ungefähr für zwei Fußballfeld-große-Felder reicht. Doch die Setzlinge werden nicht nur mit dem Ziel von höheren Erträgen verteilt, sondern auch der Weiterverbreitung. Die gepflanzten Cassava-Setzlinge sollen Sprösschen werfen, um so später mehr Fläche mit dem resistenten Setzlingen bepflanzen zu können.

Bei der Versorgung der vielen Geflüchteten ist Uganda – als eines der ärmsten Ländern der Welt – auf ausländische Hilfen angewiesen. Doch die bleiben aus. Ende Juni kam es deshalb zum großen Flüchtlingssolidaritätsgipfel in Ugandas Hauptstadt Kampala. Zwei Milliarden US Dollar pro Jahr würden für die nächsten vier Jahre benötigt, rechnete der ugandische Flüchtlingsminister vor. Zusammen kamen nur etwas über 350 Millionen Dollar.

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